Portfolio & Cases
Portfolio vs. Leistungsseiten: was auf eine Agentur-Website gehört
mekyn Redaktion
Wann eine Agentur Cases zeigt, wann sie Leistungen erklaert - und warum eine reine Portfolio-Seite allein selten neue Anfragen bringt.
Viele Agentur-Websites schwanken zwischen zwei Extremen. Die einen zeigen ein einziges, durchgestaltetes Case-Study-Raster und lassen Besucher mit der Frage zurück, was genau die Agentur eigentlich anbietet. Die anderen listen zwanzig Leistungen in langen Absätzen auf, ohne dass auch nur eine abgeschlossene Arbeit zu sehen wäre. Beide Seiten haben ihre Berechtigung - und beide verlieren in Reinform einen Teil der möglichen Anfragen. Der Schlüssel liegt darin, Portfolio und Leistungsseiten als zwei verschiedene Werkzeuge zu verstehen, die unterschiedliche Aufgaben lösen.
Wofür ein Portfolio da ist - und wofür nicht
Ein Portfolio ist Beweis. Es antwortet auf die Frage: Könnt ihr das, was ihr behauptet? Diese Frage stellen fast alle, die kurz vor der Entscheidung stehen, eine Agentur zu beauftragen. Wer dann nur Worthülsen findet, springt ab. Wer aber ein passendes Projekt mit Bild, Aufgabe und Ergebnis sieht, bleibt - und bewertet die Arbeit danach, was sie zeigt.
Ein Portfolio ist nicht der Ort, um die eigene Geschichte zu erzählen, die Preise zu erklären oder die Zuständigkeiten zu beschreiben. Wer auf der Case-Seite viele Worte macht und die Bilder klein hält, verwechselt die Funktion. Bilder, kurze Kontexttexte, gegebenenfalls eine Zahl - mehr braucht es nicht. Alles andere gehört auf eine eigene Seite.
Drei kleine Tests helfen, die Balance zu prüfen:
- Kann ein Besucher in 30 Sekunden die Branche, das Medium und die Größenordnung des Projekts erfassen? Wenn nicht, ist der Kontext zu knapp.
- Steht das Ergebnis im Vordergrund? Wenn nur erklärt wird, was die Agentur gemacht hat, fehlt der Beleg, was es bewirkt hat.
- Würde der Kunde, dessen Arbeit hier gezeigt wird, dem zustimmen, was da steht? Wenn nicht, gehört der Text überarbeitet - oder das Bild in Absprache mit dem Kunden gar nicht erst online.
Wofür eine Leistungsseite da ist
Eine Leistungsseite antwortet auf eine ganz andere Frage: Seid ihr die richtige Agentur für mein Anliegen - oder muss ich woanders suchen? Wer eine Markenrelaunch plant, eine Social-Media-Kampagne aufsetzen will oder einen Webshop entwickeln lässt, sucht oft nicht zuerst nach Cases, sondern nach einer ehrlichen Beschreibung dessen, was eine Agentur in dieser Disziplin tatsächlich liefert.
Eine gute Leistungsseite enthält:
- Eine klare Definition der Leistung, die auch Außenstehende verstehen. „Brand Strategy” allein sagt wenig; eine knappe Erklärung der Methode und der typischen Arbeitsschritte macht das Angebot greifbar.
- Eine Beschreibung, wie ein Mandat in dieser Disziplin typischerweise abläuft - von Briefing über Konzept- und Umsetzungsphase bis zur Übergabe. Das hilft Interessenten einzuschätzen, ob Zeitrahmen und Prozess passen.
- Eine Vorstellung davon, welche Größenordnung von Mandat sinnvoll ist. Eine kleine Boutique-Agentur, die nur ganzheitliche Markenarbeit ab einer bestimmten Größe anbietet, schont sich und ihre Anfragen, wenn sie das offen sagt.
- Ein oder zwei Beispiel-Cases, die zur Leistung passen - als Link ins Portfolio, nicht als ausführlicher Doppelblock.
Wichtig ist, ehrlich zu bleiben. Wer schreibt, dass die Agentur „ganzheitliche digitale Strategien” liefert, aber im Portfolio nur klassische Print-Kampagnen zeigt, erzeugt Misstrauen. Lieber klar trennen: Was kann die Agentur wirklich, in welcher Tiefe, mit welchem Team.
Die Frage nach dem „Wer”
Eine dritte, oft unterschätzte Seitenart ist die Team-Seite. Für mittelgroße Studios ist sie fast wichtiger als das Portfolio, denn Mandanten kaufen am Ende nicht nur Arbeiten ein, sondern Menschen, mit denen sie Monate oder Jahre lang zusammenarbeiten. Wer das Team zeigt, schafft Vertrauen - und grenzt sich von anonymen Großagenturen ab, die genau diese persönliche Ebene nicht bieten.
Eine zurückhaltende Team-Seite enthält pro Person Foto, Rolle und einen knappen Satz zum Hintergrund. Mehr braucht es nicht. Wer den Mitarbeitenden lange Steckbriefe aufzwingt, verlangt mehr Offenheit, als viele möchten. Eine einfache Lösung: die Menschen selbst fragen, wie viel sie zeigen wollen, und das Ergebnis respektieren.
Wie viele Cases, wie viele Leistungen?
Eine kleine Faustregel:
- Sechs bis zwölf Cases decken in der Regel das Spektrum einer Agentur gut ab. Wer weniger zeigt, wirkt unerfahren. Wer deutlich mehr zeigt, verwässert die Wirkung.
- Drei bis sechs Leistungen sind sinnvoll. Wer mehr anbietet, läuft Gefahr, sich entweder zu zerstreuen oder unglaubwürdig zu werden. Lieber drei Disziplinen richtig gut als zehn halbherzig.
- Pro Leistung ein, zwei Beispiel-Cases als Verweis - nicht als komplette Case-Studie. Das hält die Seite schlank.
Wenn ein Projekt in mehrere Leistungen fällt - etwa eine Markenstrategie mit anschließender Kampagne und Website-Umsetzung -, darf es auf mehreren Leistungsseiten verlinkt sein. Es schadet nicht, wenn dieselbe Arbeit zweimal auftaucht; es schadet, wenn wichtige Cases nirgends zu finden sind.
Reihenfolge und Hierarchie
Wer den Aufbau der Website plant, steht irgendwann vor der Frage, was zuerst kommt: das Portfolio oder die Leistungen. Eine bewährte Reihenfolge:
- Startseite mit kurzem Selbstverständnis, drei Kernleistungen und drei Hauptcases.
- Portfolio als eigene Seite, mit Filter- oder Sortier-Option.
- Leistungen als eigene Seiten, jeweils mit eigenem Text und einer Handvoll Cases.
- Über-uns / Team-Seite.
- Kontakt und Anfrage.
Diese Reihenfolge führt Besucher vom schnellen Überblick zum Beleg zur Detailinformation zur Anfrage - ohne sie zu zwingen, lange Texte zu lesen, bevor sie sehen, was die Agentur kann.
Fazit
Portfolio und Leistungsseiten sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Medaille. Das eine zeigt das Können, das andere erklärt, wofür es sich eignet. Wer beide Rollen ehrlich und sauber trennt, gewinnt nicht nur Anfragen, sondern spart sich auch die Vorgespräche, die ohnehin nicht passen würden. Eine gut kuratierte Studio-Website kann deshalb viel Zeit und Nerven zurückgeben - und sie ist, ehrlich gesagt, die ehrlichste Visitenkarte, die eine Agentur verteilen kann.