Portfolio & Cases
Agentur-Website erstellen: was eine Studio-Seite heute leisten muss
mekyn Redaktion
Was eine überzeugende Agentur-Website heute ausmacht: Case-Struktur, Pitch-Pfad, Bildrecht und Tempo - inklusive DSGVO und Urheberrecht.
Eine Agentur-Website ist heute kein digitales Briefpapier mehr, sondern der Pitch, der nie schläft. Sie läuft im Hintergrund, während das Team an Projekten arbeitet, und entscheidet - meist ohne Telefonat - wer in die Shortlist kommt und wer nicht. Wer eine Agentur gründet oder den eigenen Auftritt erneuert, steht vor einer eigentümlichen Aufgabe: Man soll Kompetenz in Markenführung, Webdesign, Kampagnenarbeit oder Content beweisen, indem man die eigene Website baut. Genau deshalb lohnt es sich, das ehrlich und strukturiert anzugehen.
Die drei Aufgaben, die die Seite gleichzeitig erfüllen muss
Eine Studio-Website arbeitet fast immer gegen drei sehr unterschiedliche Zielgruppen gleichzeitig, und jede Erwartung muss bedient werden, ohne dass die andere darunter leidet:
- Der potenzielle Kunde will in unter einer Minute verstehen, was die Agentur kann, für wen sie arbeitet und wie ein Mandat abläuft. Er sucht Belege, keine Versprechen.
- Der Branchen-Peer (andere Agenturen, Freelancer, mögliche Kooperationspartner) achtet auf Haltung, auf gestalterische Reife, auf das, was die Seite über die Agentur ausstrahlt - oft bevor er den ersten Case geöffnet hat.
- Der Suchende, der noch gar nicht weiß, dass er eine Agentur braucht, landet über eine konkrete Suchanfrage auf der Seite und braucht eine ehrliche Antwort statt eines Verkaufs-Skripts.
Wer die Seite zu sehr auf eine dieser Gruppen zuschneidet, verliert die anderen. Die Balance gelingt, wenn die Struktur für jede Rolle einen natürlichen Pfad anbietet: ein klares Portfolio für die Belege, eine sachliche Leistungsseite für die Orientierung, ein niedrigschwelliger Anfragebereich für den Erstkontakt.
Portfolio zuerst - aber richtig kuratiert
Ein häufiger Fehler ist das Prinzip „je mehr, desto besser”. Wer zwanzig Cases in alphabetischer Reihenfolge zeigt, sagt über keinen davon etwas aus. Wirkung entsteht durch Kuratierung. Zehn bis fünfzehn sorgfältig ausgewählte Arbeiten, jede mit Bild, Aufgabe, Vorgehen und Ergebnis, schlagen fünfzig Miniaturansichten ohne Kontext.
Was ein guter Case-Bereich braucht:
- Eine kurze Einleitung pro Projekt, die den Kontext setzt: Für wen, in welcher Branche, mit welchem Auftrag. Kein Marketing-Deutsch, sondern eine nüchterne Beschreibung.
- Ein Hauptbild pro Case, das den Charakter der Arbeit trägt. Ein Verpackungs-Relaunch braucht das Verpackungsbild, kein Symbolfoto aus dem Archiv.
- Ein oder zwei Detailansichten, die zeigen, wie das Projekt wirklich aussieht: Anwendungsbeispiele, Begleitmedien, Plakatwand, Webansicht. Wer nur das „Hero-Bild” zeigt, lässt offen, wie das Projekt im Alltag funktioniert.
- Das Ergebnis, soweit es belegbar ist: Steigerung der Markenbekanntheit, gewonnener Award, geäußerte Rückmeldung des Kunden. Wer Zahlen nennt, sollte die Quelle kennen.
Ein wichtiger Punkt: Cases, die unter Verschwiegenheitsvereinbarung laufen, gehören ehrlich gekennzeichnet - oder gar nicht gezeigt. Wer mit Logos wirbt, die er nicht nennen darf, schafft spätestens beim Pitch ein Risiko. Eine schöne Alternative: anonymisierte Cases mit klarer Aufgabenbeschreibung und visuellem Ergebnis.
Die eigene Bildwelt und das Urheberrecht
Gerade für Kreativ- und Werbeagenturen ist die eigene Bildsprache ein Teil der Arbeit. Viele Studio-Websites arbeiten mit selbst fotografierten Bildern aus dem Studioalltag, mit Moodbildern aus Markenprojekten oder mit beauftragten Editorial-Fotos. Dabei lauern zwei Fallstricke, die in der Praxis unterschätzt werden:
- Moodbilder aus Markenprojekten sind nicht automatisch frei verwendbar. Wenn eine Marke ein Moodboard oder ein Kampagnen-Briefingfoto liefert, ist die Nutzung in der Regel auf das konkrete Projekt beschränkt. Wer solche Bilder später im eigenen Portfolio zeigt, braucht die ausdrückliche Zustimmung - am besten schriftlich, mit klarer Reichweite (Website, Social Media, Awards, Bewerbungen).
- Stockfotos sind praktisch, aber sichtbar. Eine Studio-Website, die mit demselben Material arbeitet wie hundert andere Auftritte, verliert das, was sie verkaufen will: gestalterische Eigenständigkeit.
Ein ehrlicher Mittelweg: selbst fotografierte Bilder aus dem Studio, ausgewählte und freigegebene Kundenprojekte sowie kleine Editorials aus dem Agentur-Alltag. Das braucht mehr Aufwand, macht die Seite aber unverwechselbar.
Anfragen, die wirklich passen
Eine Agentur-Website sollte Anfragen nicht nur einsammeln, sondern vorqualifizieren. Wer ein Pflichtfeld nach dem anderen abfragt und mit „Wir melden uns” antwortet, lädt sich selbst unnötige Telefonate auf. Ein gutes Anfrageformular fragt nach den drei bis vier Punkten, die für eine erste Einschätzung wirklich nötig sind:
- Art des Auftrags (Markenrelaunch, Kampagne, Website, Content, Beratung)
- Branche und ungefähre Größe des Unternehmens
- Zeitrahmen und Budget-Range - auch eine grobe Einschätzung hilft weiter
- Wunschkontakt (Telefon, E-Mail, Termin)
Wer nach Budget fragt, schreckt manche Interessenten ab - wer es nicht fragt, lädt sich Anfragen ein, die nicht zusammenpassen. Bewährt hat sich eine Antwort wie „Budgetrahmen ab etwa …” mit ehrlichen Spannen, ergänzt durch den Hinweis, dass auch kleinere Erstaufträge oder Beratungen möglich sind.
Schnelligkeit und Zugänglichkeit
Viele Studio-Websites sehen auf einem hochauflösenden Bildschirm großartig aus und brauchen auf dem Smartphone eine halbe Minute zum Aufbau. Das ist für eine Branche, die über Gestaltung berät, ein schlechtes Signal. Eine Ladezeit von unter zwei Sekunden auf dem Smartphone, eine klare Lesbarkeit auch bei kleiner Schrift und eine funktionierende Anfrage auch ohne Cookie-Banner - das gehört zum Grundhandwerk.
Ebenso wichtig: Die Seite sollte ohne JavaScript funktionieren, bevor sie damit glänzt. Wenn der Kerninhalt - wer wir sind, was wir können, wie man uns erreicht - erst nach dem Aktivieren von Skripten erscheint, wird er von manchen Nutzern nie gesehen.
Impressum, Datenschutz und die leidigen Pflichtteile
Auch wenn es banal klingt: Eine Agentur-Website braucht vollständige Anbieterkennzeichnung nach § 5 TMG, eine Datenschutzerklärung nach DSGVO und - falls Mitglieder der Agentur regelmäßig Beiträge veröffentlichen - eine redaktionelle Verantwortung. Hinzu kommen Hinweise zur Bildrechtslage im Portfolio und zur Verarbeitung von Anfragedaten.
Kurz und ehrlich formuliert ist besser als ein zwei Meter langer, von einer Vorlagendatenbank kopierter Text. Wer schreibt, wofür die eigenen Anfrage-Daten genutzt werden, wie lange sie gespeichert bleiben und dass sie nicht für Werbung weitergegeben werden, signalisiert mehr Vertrauen als jede noch so ausführliche Versicherung.
Fazit
Eine gute Agentur-Website ist kein einmal angelegtes Schaufenster, sondern ein arbeitender Teil des Pitches. Sie gewinnt nicht jeden Auftrag - aber sie hält den Tross der Anfragen in Bewegung und schafft denjenigen, die ernsthaft suchen, einen leichten Einstieg. Wer bei der Erstellung mit klarem Portfolio, ehrlicher Bildsprache, qualifizierter Anfrage und sauberen Pflichtteilen arbeitet, gewinnt nicht nur Mandate, sondern auch die Freiheit, sich auf die Aufträge zu konzentrieren, die wirklich passen.